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„Armut ist politisch gewollt“ Die Aufstiegschancen für Arme sind gering, das Armutsrisiko höher, als die Regierung zugibt. So lautet die Kritik der Nationalen Armutskonferenz in ihrem Schattenbericht.

„Armut ist politisch gewollt“

Die Aufstiegschancen für Arme sind gering, das Armutsrisiko höher, als die Regierung zugibt. So lautet die Kritik der Nationalen Armutskonferenz in ihrem Schattenbericht.

© Rolf Vennenbernd/dpa

Ein obdachloser Mensch sitzt vor einem leer stehenden Kino.Ein obdachloser Mensch sitzt vor einem leer stehenden Kino.

Die Armut in Deutschland pendelt sich nicht nur auf hohem Niveau ein. Sie wird auch schöngerechnet von der Regierung und ist politisch gewollt – so lautet die Kritik der Nationalen Armutskonferenz (nak) in ihrem Schattenbericht.

Der Bericht soll einen Gegenentwurf zum offiziellen Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung darstellen. Die nak kritisiert, dass die Armutsquote seit Jahren zwischen 14 und 16 Prozent liegt. Wer in Deutschland arm ist, bekomme laut dem Bericht immer weniger Chancen, der Armut zu entfliehen. Vizesprecherin Michaela Hofmann spricht von einem Skandal. Nach ihrer Einschätzung ist „Armut politisch gewollt“.

Abzulesen sei das aus Hofmanns Sicht an den unzureichenden Hartz-IV-Sätzen und dem ausufernden Niedriglohn-Bereich. Kinder hätten auch nach der letzten Hartz-IV-Reform und dem damit verbundenen Bildungs- und Teilhabepaket „keine Chance, aus dem Armutskreislauf herauszukommen“, sagte Hofmann.

Jeder Vierte arbeitet im Niedriglohnsektor

Inzwischen arbeitet laut dem Bericht jeder Vierte im Niedriglohnsektor. Etwa 7,6 Millionen Menschen – 9,3 Prozent der Bevölkerung – erhalten staatliche Leistungen zur Sicherung ihres Existenzminimums.

Die nak ist ein Zusammenschluss von Sozial- und Wohlfahrtsverbänden sowie Gewerkschaften. Sie fordert unter anderem gesetzliche Mindestlöhne, höhere Regelsätze und Förderprogramme gegen Wohnungsnot.

Wirtschaftsministerium sieht kein Problem in Altersarmut

Der Wissenschaftliche Beirat beim Wirtschaftsministerium hat sich am Dienstag zum Thema Altersarmut geäußert: Altersarmut sei derzeit kein drängendes Problem, heißt es in dem Gutachten, das dem NDR vorliegt. Wenn es zum Problem werden sollte, sei das in erster Linie auf die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt zurückzuführen. Dann könnten Geringqualifizierte und Menschen mit Migrationshintergrund betroffen sein. Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) hatte Altersarmut in der jüngsten Zeit häufig zum Thema gemacht. Sie schlägt zur Lösung des Problems eine Zuschussrente vor.

http://www.zeit.de/wirtschaft/2012-12/nationale-armutskonferenz-bericht

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Die Schere zwischen Arm und Reich geht weiter auseinander. Die reichsten zehn Prozent der Haushalte vereinen mehr als die Hälfte des gesamten Nettovermögens auf sich. Die unteren 50 Prozent der Haushalte verfügen hingegen nur über ein Prozent des Nettovermögens. Arm ist, wer als Alleinstehender weniger als 952 Euro im Monat hat, das sind inzwischen über 15 Prozent der Bevölkerung!

DOKU: „Die Kriegstrommel“ [D 2012] – Iran / Israel / Syrien / Euro-Krise

Mehr über die Filmemacher im Blog http://www.stopthewardrums.blogspot.com
Folgt uns bei Facebook: http://www.facebook.com/STOPtheWarDrums

Haben Sie (An-)Fragen an die Dokumentarfilmer? Schreiben Sie uns eine Mail an: kriegstrommel@emailn.de

Die Welt steht vor großen Herausforderungen: Die Wirtschaftskrise hat die Weltordnung ins Wanken gebracht und die Euro-Krise schwächt den Zusammenhalt Europas. Hinzu kommen die Rebellionen in der arabischen Welt, die nun verstärkt die syrische Regierung zur Zielscheibe von Frust des Volkes werden lassen. Die Folge ist ein blutiger Kampf zwischen Staat und Bevölkerung.

Zahlreiche Experten warnen vor einem miltärischen Eingriff in dieser höchst explosiven Region, da ein solcher eine globale Krise zur Folge hätte. Ein erbitterter Stellvertreterkrieg ist dort schon in Gange. Der Westen stützt die Opposition. Russland, China und Iran das Assad-Regime. Ähnlich geteilt sind die Lager im Konflikt zwischen Iran und Israel. Israel vermutet eine nukleare Bewaffnung Irans und plant in den kommenden Monaten einen Miltärschlag gegen den Iran. Ein fieberhaftes Wettrüsten hat schon begonnen, eine aggressive Rhetorik der Konfliktparteien schafft eine giftige Atmosphäre.

Titel: Die Kriegstrommel

 

Wir können auch anders: Das Wachsen der NPD ist nur ein Kennzeichen der Systemkrise, die den Menschen ausmustert, nicht mehr braucht! Wo bleiben die demokratischen Antworten der Gesellschaft, warum läßt sie der NPD das Feld und kümmert sich nicht um die Probleme der Menschen! Auch 1933 gewannen die Rechtsradikalen nicht, weil die Mehrheit für sie stimmte, sondern weil die Demokraten den Menschen keine Zukunft mehr zu bieten hatten!

http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1788656/Wir-koennten-auch-anders#/beitrag/video/1788656/Wir-koennten-auch-anders

Grenzüberschreitende Aktionen sind nötig, wenn wir Europa retten wollen: Mikis, Theodorakis, Tony Benn, 50 Jahre Parlamentarier der Labour Party und mehrfacher Minister; Lindsey German, Stop the War Coalition; Natalie Bennett, Vorsitzende Green Party England u. Wales: „Die Politik der Regierungen und Banken ist gescheitert. Das hat die Finanzkrise verursacht. Die Kürzungspolitik treibt viele Menschen in die Armut. Eine ökono- mische Alternative ist unerlässlich, um die Existenz der Bürger zu schützen.



Gemeinsamer Appell für die Rettung der Völker Europas


Koalition des Widerstands

17.12.12
InternationalesInternationales, Bewegungen 
 

 von Berliner Aktionsgruppe – Koalition des Widerstands

Auf Initiative von Tony Benn, Politiker aus Großbritannien, sowie Mikis Theodorakis und Manolis Glezos aus Griechenland entstand in diesem Jahr eine europäische Koalition des Widerstands.

Als überparteiliche Berliner Gruppe unterstützen und verbreiten wir die Initiative und planen für die kommenden Monate Veranstaltungen und Aktionen des zivilen Widerstands.

In den Worten von Mikis Theodorakis und Manolis Glezos:
Es besteht der dringende Bedarf an unmittelbarer, grenzüberschreitender Koordinierung aller Aktionen von Intellektuellen, Künstlern und Künstlerinnen, spontanen Bewegungen, sozialen Kräften und Persönlichkeiten, die die Bedeu- tung der Lage erkennen. Wir müssen eine mächtige Widerstandsfront gegen das nahende »totalitäre Empire der Globalisierung« aufstellen. Bevor es zu spät ist! Jeder kann diese Initiative unterstützen.“

Wir bitten den folgenden Aufruf ebenfalls zu unterzeichnen und weiterzuverbreiten.

Die folgende Petition wurde am 18. Oktober 2012 in der britschen Tageszeitung „Guardian“ veröffentlicht und bisher 3000 mal unterzeichnet, unter anderen von zahlreichen Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft u. Kultur sowie europäischen Vertretern von Linksbündnissen und Gewerkschaften. Link

Initiatoren waren u.a.: Tony Benn, 50 Jahre Parlamentarier der Labour Party und mehrfacher Minister; Lindsey German, Stop the War Coalition; Natalie Bennett, Vorsitzende Green Party England u. Wales

„Die Politik der Regierungen und Banken ist gescheitert. Das hat die Finanzkrise verursacht. Die Kürzungspolitik treibt viele Menschen in die Armut. Eine ökono- mische Alternative ist unerlässlich, um die Existenz der Bürger zu schützen.

Die Regierung sollte:

  1. der Kürzungspolitik und Privatisierung Einhalt gebieten;
  2. Millionäre und Grosskonzerne besteuern;
  3. Einen Schuldenschnitt durchführen und die Banken unter demokratische Kontrolle stellen;
  4. In Arbeitsplätze, Gemeinwesen und Ökologie investieren.“

Die Standpunkte der Koalition des Widerstands wurden in einem offenen Brief von Mikis Theodorakis und Manolis Glezos zuvor wie folgt konkretisiert.

Gemeinsamer Appell für die Rettung der Völker Europas

Europa kann nur überleben, wenn wir den Märkten unseren vereinten Wider- stand entgegenstellen, mit der Forderung nach einem neuen, europäischen »New Deal«.

Wir müssen die Angriffe auf Griechenland und andere EU-Staaten der Peripherie sofort unterbinden; wir müssen die unverantwortliche Spar- und Privatisier- ungspolitik stoppen, die direkt in eine schlimmere Krise als die nach 1929 führt.

Öffentliche Schulden müssen europaweit radikal restrukturiert werden, insbe- sondere zu Lasten der privaten Bankgiganten. Die Kontrolle über die Banken muss wieder in staatliche Hände fallen, ebenso wie die Finanzierung der euro- päischen Wirtschaft, die unter nationaler und sozialer Kontrolle stehen muss.

Man darf die Schlüssel zum Geld nicht Banken wie Goldman Sachs, JP Morgan, UBS, Deutsche Bank usw. überlassen. 

Wir müssen die unkontrollierten Derivate, die die Speerspitze des destruktiven Finanzkapitalismus sind, verbannen und echte wirtschaftliche Entwicklung erzeugen statt spekulativer Profite.

Die momentane Architektur des Finanzwesens, welche auf den Verträgen von Maastricht und der WHO basiert, hat in Europa eine Schuldenerzeugungsma- schine geschaffen. 

Wir brauchen eine radikale Änderung aller Verträge, die Unterordnung der EZB unter die politische Kontrolle durch die Völker Europas, eine »goldene Regel« für soziale, fiskalische und ökologische Mindeststandards in Europa. 

Wir brauchen dringend einen Paradigmenwechsel, die Rückkehr zur Wachstums- stimulation einen neuen, qualitativen Wachstum durch europäisches Investiti- onsprogramme, eine neue Regulierung, Besteuerung und Kontrolle des interna- tionalen Kapital- und Warenflusses; eine neue Form des vernünftigen und be- dachten Protektionismus in einem unabhängigen Europa, welches der Protago- nist im Kampf um einen multipolaren, demokratischen, ökologischen und sozia- len Planeten sein wird.

Wir rufen die Kräfte und Individuen, die diese Ideen teilen, auf, so bald wie mög- lich zu einer breiten europäischen Aktionsfront zu verschmelzen; ein europä- isches Übergangsprogramm zu erstellen, unsere internationalen Aktionen zu koordinieren, um so die Kräfte einer öffentlichen Bewegung zu mobilisieren, das gegenwärtige Mächteverhältnis rückgängig zu machen und die momentanen historisch verantwortungslosen Führungen unserer Länder zu stürzen, um unsere Völker und Gesellschaften zu retten, bevor es für Europa zu spät ist.

Erklärender Kommentar von Mikis Theodorakis und Manolis Glezos LINK

Initiatoren:

Mikis Theodorakis (Komponist, Schriftsteller und Politiker, Griechenland)
Manolis Glezo (Autor, Politiker, Widerstandskämpfer gegen deutsche Besatzung im 2. Weltkrieg, Griechenland) aus Deutschland und Europa unterstützt von:

Rolf Becker (Schauspieler, Deutschland)
Martine Billard
 (Co-Vorsitzende der französischen Linkspartei, PdG)
Prof. Dr. Lothar Bisky
 (Medienwissenschaftler, Mitglied des Europäischen Parlaments)
Jose Luis Centella
 (Generalsekretär der kommunistischen Partei Spaniens)
Daniela Dahn
 (Schriftstellerin, Deutschland)
Dr. Diether Dehm
 (Liedermacher, Mitglied des Deutschen Bundestages)
Angelica Domröse
 (Schauspielerin, Regisseurin, Deutschland)
Costas Douzinas
 (Juraprofessor, Direktor des Birkbeck Institute for the Humanities in Birkbeck and der University of London)
Katja Ebstein
 (Sängerin, Schauspielerin, Deutschland)
Klaus Ernst
 (Mitglied des Deutschen Bundestages, Vorsitzender der Partei DIE LINKE)
Paolo Ferrero
 (Nationalsekretär der Partei Rifondazione Communista, Italien)
Prof. Dr. Heinrich Fink
 (Theologe, em. Rektor der Humboldt-Universität Berlin)
Wolfgang Gehrcke
 (Mitglied des Deutschen Bundestages)
Katia Gerou
 (Schauspielerin, Deutschland)
Prof. Peter Grottian
 (Politologe, Deutschland)
Dr. Gregor Gysi
 (Mitglied des Deutschen Bundestages, Vorsitzender der Fraktion DIE LINKE)
Renate Harcke
 (Mitglied im Vorstand der Partei DIE LINKE)
Heidrun Hegewald
 (Malerin, Autorin, Deutschland)
Klaus Höpcke
 (Journalist, Deutschland)
Andrej Hunko
 (Mitglied des Deutschen Bundestages und Mitglied der Parlamentarischen Versammlung des Europarates)
Barbara und Winfried Junge
 (Dokumentarfilmer, z. B. »Die Kinder von Golzow«)
Monna Kamu
 (Sängerin, Finnland)
Kyriakos Katzourakis
 (Direktor, Schauspieler, Griechenland)
Dimitris Konstantakopoulos
 (Journalist, Author, Griechenland)
Asteris Koutoulas
 (Autor, Griechenland)
Oskar Lafontaine
 (Mitglied des Landtages Saarland, 1985–1998 Ministerpräsident Saarlandes)
Pierre Laurent
 (Präsident der Partei der Europäischen Linken, Nationalsekretär der französischen kommunistischen Partei)
Stefan Liebich
 (Mitglied des Deutschen Bundestages)
Dr. Gesine Loetzsch
 (Mitglied des Deutschen Bundestages)
Ulrich Maurer
 (Mitglied des Deutschen Bundestages)
Jean-Luc Melenchon
MdEP der französischen Linksfront/ Front de Gauche (Fraktion GUE-NGL), Co-Vorsitzender der französischen Linkspartei (PdG)
Prof. Dr. Wolfgang Methling (1998–2006 Umweltminister in Mecklenburg-Vorpommern)
Willy Meyer
 (MdEP der Vereinigten Linken Spaniens, Fraktion GUE-NGL)
Takis Mitsidis
 (Kulturmanager, Deutschland)
Maite Mola
, Vizepräsidentin der Partei der Europäischen Linken, Verantwortliche des Bereichs Internationale Beziehungen der kommunistischen Partei Spaniens
Yiannis Mylopoulos
 (Rektor der Aristoteles-Universität von Thessaloniki)
Eero Ojanen
 (Komponist, Pianist, Finnland)
Kostas Papanastasiou
 (Architekt, Dichter, Schauspieler, Sänger, Deutschland)
Theodosis Pelegrinis
 (Rektor der nationalen und kapodistrischen Universität von Athen)
Gina Pietsch
 (Sängerin, Schauspielerin, Italien)
Dr. Beate Reisch (Literaturwissenschaftlerin, Deutschland)
Prof. Günter Reisch
 (Filmregisseur, z. B. »Die Verlobte«)
Renate Richter
 (Schauspielerin, Deutschland)
Niko Saarela
 (Schauspieler, Finnland)
Peter Sodann
 (Schauspieler, Regisseur, Deutschland)
Eckart Spoo
 (Journalist, »Ossietzky«-Herausgeber)
Erkki Susi
 (Herausgeberin der Wochenzeitung “Tiedonantaja”, Finnland)
Hilmar Thate
 (Schauspieler, Deutschland)
Hannes Wader
 (Liedermacher, Deutschland)
Sahra Wagenknecht
 (Mitglied des Deutschen Bundestages)
Konstantin Wecker
 (Liedermacher, Deutschland)
Prof. Dr. Manfred Wekwerth
 (Regisseur, Deutschland)
Prof. Dr. Jean Ziegler
 (Autor, ‚Human Rights Council’s Advisory Committee‘ der Vereinten Nationen, Schweiz)
Steffen Aumüller 
(Friedensbündnis Berlin, Occupy Berlin)
Heinrich Bücker
(Initiative Berlin gegen Krieg, Coop Antikriegscafe)
Ana Barbara von Keitz
 (Mitinitiatorin des Berliner Arbeitskreises Uran-Munition)
Wolfgang Penzholz 
(Buchautor, Unabhängige Montagsdemo, Attac- Finanzmärkte-AG., Berlin)
Daniel Tzschentke
 (Vorstandsmitglied Piratenpartei KV Märkisch Oderland, Musiker, Berlin Soundstrike)
Elke Zwinge-Makamizile 
(Mitglied Deutscher Friedensrat im Weltfriedensrat, Berlin)

Unterzeichner bitte per e-mail melden unter:
info@koalition-des-widerstands.de

http://koalition-des-widerstands.de

 

„Wir lassen sie verhungern“ „Markt und Moral“

Ein hungerndes Kind in Somalia.  (Bild: picture alliance / dpa - Siegfried Modola) Ein hungerndes Kind in Somalia. (Bild: picture alliance / dpa – Siegfried Modola)

Der Kampf gegen den Hunger

Jean Ziegler: „Wir lassen sie verhungern“ und Sylvia Nasar: „Markt und Moral“

Von Astrid Prange

Hunger ist kein Gott gegebenes Schicksal, sondern von Menschen gemacht, darin sind sich beide Bücher einig. Doch während Jean Ziegler wortgewaltig die Missachtung des Menschenrechtes auf Nahrung beklagt, wagt Sylvia Nasar trotz aller Schreckenszenarien einen positiven Ausblick.

In einem Punkt sind sich beide Autoren einig: Hunger ist kein Gott gegebenes Schicksal, sondern von Menschen gemacht. Folglich können die Menschen sich selbst von dieser Geißel befreien. Doch mit diesem Minimalkonsens enden die Gemeinsamkeiten der beiden Autoren auch schon: Die deutsch-amerikanische Wirtschaftsjournalistin Sylvia Nasar und Jean Ziegler, ehemaliger Sonderberichterstatter der UNO für das Recht auf Nahrung, sind wie Öl und Wasser: Ihre Perspektiven vermischen sich nicht.

Wie ist das möglich? Wie kann es sein, dass sich zwei Autoren, die sich mit ein und demselben Thema beschäftigen, nämlich Hunger, sich in ihren Werken inhaltlich kaum überschneiden? Jean Ziegler und Sylvia Nasar verfolgen komplett unterschiedliche Ansätze.

Während die amerikanische Wirtschaftsjournalistin in ihrem Buch „Markt und Moral“ ein Loblied auf den weltweit steigenden Lebensstandard singt, versteigt sich Jean Ziegler zu einer wortgewaltigen Anklage: „Wir lassen sie verhungern“, lautet der Titel seines neuesten Buches über die massive Missachtung des Menschenrechtes auf Nahrung. Ziegler wartet mit bestürzenden Fakten auf:

„Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren.
57.000 Menschen sterben am Tag an Hunger. Und eine Milliarde von den sieben Milliarden Menschen sind permanent schwerstens unterernährt. Und das auf einem Planeten, der vor Reichtum überquillt. Derselbe World Food Report, der die Opferzahlen gibt, sagt, dass die Weltlandwirtschaft problemlos normal zwölf Milliarden Menschen ernähren könnte. Heute gibt es auf dieser Welt keinen objektiven Mangel mehr, keine Fatalität.“

„J’accuse, ich klage an. Der Schweizer Soziologe Ziegler will sich nicht mit dem Elend der Welt abfinden. Seine Streitschrift spart nicht mit eindeutigen Schuldzuweisungen. Er schimpft auf die „kannibalische Weltordnung, auf multinationale Konzerne und Börsenspekulanten, auf die neoliberale Wahnidee und den Schweizer Bankenbanditismus“ – wie er es nennt.

In der Tat: Das Kapitel über den „Mord an den irakischen Kindern“ in seinem Buch löst Bestürzung aus. In den vier Jahren zwischen 1996 und 2000 starben im Irak mehr als eine halbe Million Kinder an den Folgen von Unterernährung. Dabei sollte die Grundversorgung der Bevölkerung doch im Rahmen des UN-Programms „Öl für Lebensmittel“ sichergestellt werden. Ziegler beschreibt, wie die Einfuhr lebenswichtiger Güter und Nahrungsmittel aus politischen Gründen konterkariert wurde – trotz zahlreicher Proteste hochrangiger UN-Mitarbeiter. Die Folge war ein stilles Sterben in Krankenhäusern und Kinderheimen.

Jean Ziegler schockiert. Seine Geografie des Hungers zieht sich durch den Gazastreifen bis nach Nordkorea, vom afrikanischen Niger bis in den brasilianischen Nordosten. Sein Panorama des Schreckens kämpft auch gegen das scheinbar unumstößliche Vorurteil, dass die Armen selbst schuld an ihrem Elend seien.

„Der afrikanische Bauer oder paraguayische Bauer ist nicht weniger kompetent, weniger arbeitsam als der deutsche oder französische Bauer. Was ihm aber fehlt, das sind die Mineraldünger, das sind die Zugtiere, das sind die selektierten Samen, das ist die Bewässerung, weil sein Staat total überschuldet ist. Es gibt keine Möglichkeit der Investitionen in die Subsistenzlandwirtschaft. Und das muss gefördert werden, die Familienlandwirtschaft. Die effizienteste Form der Nahrungsmittelproduktion ist der Familienbetrieb.“

Auf solche Debatten lässt sich die amerikanische Autorin Sylvia Nasar erst gar nicht ein. Sie erteilt weder Ratschläge noch Schuldzuweisungen. Sie klagt niemanden an. Und sie wartet auch nicht mit einer Lösung auf, wie der Hunger aus der Welt zu schaffen wäre.

Vielleicht ist ihre detaillierte Abhandlung über die großen Ökonomen von Thomas Malthus bis Amartya Sen deshalb so erkenntnisreich. Nicht nur Thomas Malthus und Karl Marx irrten. Auch John Maynard Keynes und Milton Friedman wurden von der Wirklichkeit ausgebremst. Sylvia Nasar entlarvt Hunger schlicht als politisches Problem.

An abschreckenden Beispielen mangelt es auch der deutsch-amerikanischen Wirtschaftsjournalistin nicht. Sie schildert die größte von Menschen ausgelöste Hungersnot in der Geschichte unter Mao Tse Tung. Die Zwangskollektivierung von 1958 bis 1962 kostete 15 bis 30 Millionen Chinesen das Leben. Auch Bengalen, die Heimat Amartya Sens, blieb nicht verschont. Sylvia Nasar beschreibt, wie die Hungersnot in der ehemaligen britischen Kolonie im Jahr 1943 den Nobelpreisträger als Kind traumatisierte. Drei Millionen Menschen starben und mit ihnen auch der letzte Respekt vor den Kolonialherren. Trotz aller Schreckszenarien wagt Sylvia Nasar beim Thema Hunger einen positiven Ausblick. Sie schreibt:

Nicht einmal der österreichische Ökonom Joseph Schumpeter hätte sich vorstellen können, dass die Weltbevölkerung einmal um das Sechsfache größer, aber um das Zehnfache wohlhabender sein würde als zu seiner Zeit; oder dass sich der Anteil der Erdenbewohner, der in bitterer Armut lebt, um fünf Sechstel verringern würde; oder dass der Durchschnittschinese heute mindestens so gut, wenn nicht sogar besser lebt als der Durchschnittsengländer in den Fünfziger-Jahren des 20. Jahrhunderts.

Ist der Kampf gegen den weltweiten Hunger also erfolgreicher als Jean Ziegler behauptet? Ausgerechnet das World Food Programm der Vereinten Nationen verbreitete vor kurzem eine Erfolgsmeldung. Anlässlich des Welternährungstages verkündete die Organisation, dass die Zahl der Hungernden seit 1990 von über einer Milliarde Menschen auf 870 Millionen Erdenbürger zurückgegangen sei. Natürlich sind 870 Millionen hungernde Menschen ein Skandal.

Auf dieser Welt, das haben beide Autoren in ihren Büchern nachgewiesen, müsste kein Mensch hungern. Doch der Kampf gegen die Geißel der Menschheit scheint voranzukommen.

Fazit: Für den weltweiten Hunger sind nicht nur transnationale Konzerne, sondern auch Diktatoren und kleptokratische Langzeitherrscher mit verantwortlich. In diesem Punkt sind sich Jean Ziegler und Sylvia Nasar dann doch wieder einig. Nasars minutiöse, manchmal auch langatmige Abhandlung über die großen Ökonomen seit der industriellen Revolution ist ein wertvolles Korrektiv zu Zieglers einseitiger Streitschrift.

Wer Sylvia Nasars Buch liest, weiß: Die Apokalypse wurde schon sehr oft angekündigt, von Ökonomen, Klimaforschern und nicht zuletzt auch von Jean Ziegler. Sie ist Gott sei Dank noch nicht eingetreten. An diese gute Nachricht wird sich auch der Schweizer Soziologe gewöhnen müssen.

1. Jean Ziegler: „Wir lassen sie verhungern. Die Massenvernichtung in der Dritten Welt“
C. Bertelsmann Verlag, 320 Seiten, 19,99 Euro
ISBN: 978-3-570-10126-1

2. Sylvia Nasar: „Markt und Moral. Die großen Ökonomen und ihre Ideen“
C. Bertelsmann Verlag, 656 Seiten, 29,99 Euro
ISBN: 978-3-570-10026-4

 

http://www.dradio.de/dlf/sendungen/andruck/1926598/

Rohstoffboom reißt Afrika aus der Hoffnungslosigkeit: Wer aber heute Afrika neu entdeckt, der sieht nicht mehr nur Korruption, fehlende Infrastruktur und Armut, der sieht auch Wachstumsraten, wie sie bisher Asien kannte, Politiker, die mit der Vergangenheit brechen und Unternehmer, die ihren Kontinent mit Fleiß, Geld und Ideen voranbringen und nicht mehr von der Entwicklungshilfe abhängig sein wollen.

Eine Reise durch den Kontinent

Rohstoffboom reißt Afrika aus der Hoffnungslosigkeit

15.12.2012, 15:25 Uhr

Wer Afrika bereist, der sieht nicht mehr nur Korruption und Armut. Sondern auch Wachstumsraten, wie sie bisher Asien kannte. Mit Fleiß, Geld und Ideen wollen Unternehmer und Politiker ihre Länder voranbringen.

Die Megacity Lagos in Nigeria mit 10,4 Millionen Einwohnern
Die Megacity Lagos in Nigeria mit 10,4 Millionen Einwohnern

Luanda: Es gibt diese typischen Bilder von Afrika, die jeder sofort im Kopf hat: die idyllischen Bilder von atemberaubenden Landschaften und außergewöhnlichen Tieren. Und die bedrückenden von Slums, Krieg und Hunger. Und doch hat Afrika – natürlich – auch andere Gesichter, hat sich vieles dort geändert. Sechs Beispiele von Städten, die so ganz anders sind.

Luanda ist die vielleicht typischste Metropole im vielleicht typischsten Land eines untypischen Kontinents. Während sich in den 80er-Jahren die asiatischen Länder und in den 90er-Jahren die meisten lateinamerikanischen Länder aufmachten, mit dem Westen zu handeln, Anschluss zu suchen, blieb Afrika der blinde Fleck auf der Karte der Globalisierung. Wer aber heute Afrika neu entdeckt, der sieht nicht mehr nur Korruption, fehlende Infrastruktur und Armut, der sieht auch Wachstumsraten, wie sie bisher Asien kannte, Politiker, die mit der Vergangenheit brechen und Unternehmer, die ihren Kontinent mit Fleiß, Geld und Ideen voranbringen und nicht mehr von der Entwicklungshilfe abhängig sein wollen. Aber kann dieser Aufschwung von Dauer sein?
Luanda in Angola. Quelle: Reuters
Luanda in Angola. Quelle: Reuters

Vor nicht allzu langer Zeit war Luanda eine malerische Kolonialstadt im Süden Afrikas – mit Barockbauten, engen Gassen und einer lauschigen Uferpromenade. Heute erstickt die Hauptstadt von Angola im Dauerstau. Eine Blechlawine aus Tankzügen, Zementlastern und Geländewagen wälzt sich durch die Altstadt. Befeuert vom Ölrausch wächst die Metropole wie keine andere Stadt in Afrika. Seit der Eröffnung eines Großflughafens treffen Direktflüge aus aller Welt ein, vor allem aus Asien. Nach einem dreißigjährigen Bürgerkrieg ist das Land zum zweitgrößten Ölförderer Afrikas aufgestiegen. In den Einkaufszenten findet sich nun teures Sortiment, eine Pizza kostet 25 Dollar, ein einfaches Hotelzimmer bis zu 300 Euro die Nacht.

Whitey Basson ist einer der Menschen, die daran arbeiten. Basson ist ein Typ, der qua Status von wenigen Widrigkeiten erschreckbar zu sein scheint. Er hat mit Shoprite Checkers die größte Supermarktkette Südafrikas gegründet. Lange konzentrierte er sich auf sein Heimatland. Mittlerweile hat er 230 Filialen außerhalb Südafrikas auf dem Kontinent eröffnet. Als Basson dieses Jahr seine Ergebnisse vorlegte, verkündete er, dass Angola einen wesentlichen Teil zum Umsatz beisteuert. Bassey ist kein Illusionist. Mit Blick auf fehlende Infrastruktur, Regulierungswut und Korruption sagt er: „Man muss alles selber machen.“ Aber er sagt auch: „Irgendwie lohnt es sich doch.“

Dossier zum Download Afrika – Kontinent der Chancen

Das Wachstum beschleunigt sich, die Mittelklasse wächst, die Hoffnungslosigkeit weicht neuer Zuversicht: Wie Afrika den Anschluss an die globalisierte Welt schaffen will – und wie Firmen und Anleger profitieren können.

Dossier zum Download: Afrika – Kontinent der Chancen

Er sieht das an Luanda. Ausländische Rohstoffkonzerne investierten, in ihrem Schlepptau entdeckten Dienstleister und Zulieferer die Region. Der Boom begann. Seit 2002 hat das Land mehr als 150 Milliarden Dollar in Brücken, Straßen, Schienen und Häuser gesteckt. Kontrolliert aber wird die Wirtschaft von Präsident José Eduardo Dos Santos, der seit 33 Jahren herrscht, und seinen Generälen. Ohne sie läuft fast nichts. Angola zeigt das Potenzial des Kontinents, aber auch die fragilen Grundlagen. Zwischen 2004 und 2008 wuchs die Wirtschaft mit durchschnittlich 20 Prozent. Doch sinkt der Ölpreis, sinkt auch die Konjunktur.

Wie ein deutscher Mittelständler unter solchen Umständen Geld verdient, zeigt Krones. Der Weltmarktführer für Getränkeabfüllmaschinen hat 21 Komplettanlagen in das südwestafrikanische Land geliefert. Um bei technischen Problemen vor Ort zu sein, hat Krones in Angola 40 Mitarbeiter angestellt. „Die Kunden verlangen bei dem hohen Maschinenbestand neben einem schnellen Service auch eine Ausbildung ihrer Mitarbeiter“ sagt Afrika-Chef Heiko Feuring.

Namibia hat auch wirtschaftlich einiges zu bieten. Quelle: dpa
Namibia hat auch wirtschaftlich einiges zu bieten. Quelle: dpa

Etwas außerhalb des Nests im Norden Namibias liegen Chance und Risiko besonders eng zusammen. Gerhard Hirth, Chef des Ulmer Zementherstellers Schwenk, lernt hier gerade sehr viel darüber, wie viele Rückschläge nötig sind, um von Afrikas Aufschwung zu profitieren. Im Februar 2011 eröffnete Hirth im Beisein von viel Politprominenz hier im Norden eine Zementproduktion. 250 Millionen Euro investierten die Schwaben hier, so viel wie kein Konzern zuvor. Hirth war sich sicher: Es ist gut angelegtes Geld.

Perspektivisch dürfte dies auch so sein. In der Gegenwart aber hatte Hirth mit einer Sache nicht gerechnet: Plötzlich überschwemmten Billigimporte aus China den Markt. In seiner Not appellierte Hirth an die Regierung, seine Fabrik in der Startphase vor solchen Billigimporten zu schützen. Vieles spricht dafür, dass dies nun geschieht. Schließlich befindet sich ein Drittel der Fabrik in den Händen lokaler Investoren. Die Fabrik wird nun später als geplant Gewinn abwerfen. Aber einen langen Atem braucht ohnehin jeder, der in Afrika investiert.

Gaborone in Botwwana.
Gaborone in Botwwana.

Lange ist auf der Fahrt nach Westen nichts als Steppe und Geröll zu sehen. Es hat seinen Grund, dass Botswana in der Sprache seiner Bewohner „lechzendes Land“ heißt. Doch dann klafft plötzlich eine riesige offene Wunde im Boden: 320 Meter tief ist die im Tagebau betriebene Mine von Jwaneng, 160 Kilometer westlich der verträumten Hauptstadt Gaborone. Millionen von Karat kratzen die Arbeiter und Ingenieure hier Jahr für Jahr aus dem roten Boden der Kalahari, mehr als aus jeder anderen Diamantenmine.

Insgesamt fördert Botswana in seinen vier Gruben rund 30 Prozent der weltweiten Produktion. Die Menschen hier erwirtschaften etwa 15 000 Dollar pro Kopf im Jahr, dreimal mehr als noch vor zehn Jahren. Grundlage seines Reichtums ist bis heute die erfolgreiche Partnerschaft des Landes mit dem weltgrößten Diamantenförderer De Beers. Ihr Joint Venture, Debswana, zeigt, was mit einer Kooperation des Staates und der Privatwirtschaft in Afrika möglich wäre.

Im Gegensatz zu vielen anderen Staaten des Kontinents verschleuderte Botswanas Regierung den neuen Reichtum nicht, sondern legt ihn klug an: So wurden 6 000 Kilometer asphaltierte Straßen gebaut, ein modernes Kommunikationsnetz errichtet und ein vorbildliches Gesundheits- und Bildungswesen geschaffen.

Präsident Ian Khama und seine Vorgänger haben sich nachweislich dem Gemeinwohl verpflichtet – und richten das Land auch für die Zeit, in der die Diamantenförderung zu Ende geht, neu aus. In zwei Jahrzehnten dürfte das so sein.

Strohhütten in Kampala.
Strohhütten in Kampala.

Kein Bier geht in James Mutumbas Hinterhofkneipe in Ugandas Hauptstadt Kampala so flott über den Tresen wie die Marke „Eagle“. Dabei gibt es das Gebräu aus Sorghumhirse und Maniok, einer Knollenfrucht, erst seit ein paar Jahren am ugandischen Markt. Das Bier selbst schmeckt fast wie die Hellbiere aus westlicher Produktion. Allerdings sind die lokalen Zutaten weit billiger. Mutumba hat sich spezialisiert, dieses Bier auszuschenken – und sich so eine Zielgruppe erschlossen, die es sich bisher nicht leisten konnte, auszugehen.

Erfinder von „Eagle“ ist der südafrikanische Brauriese SAB Miller. „Wer in Afrika erfolgreich sein will, muss andere Wege als in den reifen Märkten gehen“, sagt Mark Bowman, Chef der Afrika-Division. Für die Menschen in Uganda zahlt sich die Nutzung lokaler Bierzutaten aus: Gut 50 000 Kleinbauern aus ganz Afrika beliefern inzwischen den Brauriesen mit Maniok und Sorghumhirse. Nachdem viele der Bauern die Frucht lange Zeit fast nur für den Eigenbedarf anbauten, produzieren sie nun erstmals in größerem Stil für den Markt.

Ein Markt in Lagos, Nigeria. Quelle: dapd
Ein Markt in Lagos, Nigeria. Quelle: dapd

Solche Sorgen sind Aliko Dangote fremd. Der Nigerianer, dessen Vermögen auf gut elf Milliarden Dollar geschätzt wird, gilt als Prototyp des afrikanischen Unternehmers. Ehe der Sohn einer wohlhabenden muslimischen Familie aus Nordnigeria jedoch in die Zementproduktion einstieg, etablierte er in einigen Marktnischen eine führende Position als Importeur. Der Durchbruch gelang ihm vor zwölf Jahren mit dem Bau einer Zuckerraffinerie und eines Zementterminals.

Seine Bewunderer loben Dangotes Mut beim Aufbau einer industriellen Basis in dem mit 160 Millionen Menschen bevölkerungsreichsten Staat Afrikas. Schließlich wird bisher nur wenig lokal produziert. Hoch angerechnet wird dem 55-Jährigen, dass er seinen Reichtum nicht, wie viele andere afrikanische Geschäftsleute, im Ausland bunkert, sondern im eigenen Land reinvestiert. Allerdings beruht auch sein Erfolg wie so oft in Afrika auf den vielen engen Kontakten bis in die Staatsspitze. Dangote selbst hält dies für völlig legitim: „Wer in einem politisch unruhigen Umfeld so viel Geld investiert, ist gezwungen, auf gewisse Weise Einfluss zu nehmen“, sagt er. Auch die Margen von mehr als 50 Prozent rechtfertigt er. „Die hohen Renditen entschädigen für das mit Afrika verbundene Risiko.“

Ein Mann in der Innenstadt von Tunis, Tunesien.
Ein Mann in der Innenstadt von Tunis, Tunesien.

Von hohen Renditen ist Ahmed Ben Miled weit entfernt. Er gibt die Hochglanzzeitschrift „Femmes de Tunisie“ heraus, eine Art „Cosmopolitan“. Daneben produziert er eine tunesische Version von „Schöner Wohnen“ und das Bordmagazin der staatlichen Fluggesellschaft Tunisair. Die ersten Gehversuche unternahm er schon während seines Studiums an einer Pariser Business-School, 2008 kam die erste Ausgabe von „Femmes de Tunisie“ auf den Markt. Heute beschäftigt er in seinen Büros nahe des Flughafens von Tunis 16 Festangestellte.

Ben Miled lebt Unternehmergeist in einem Land, das nichts dringender gebrauchen kann. Der Anfang 2011 davongejagte Diktator Ben Ali hat jahrzehntelang alles dafür getan, den Menschen jegliche Eigeninitiative auszutreiben – ähnlich wie seine Schicksalsgenossen Husni Mubarak in Ägypten oder Libyens Muammar el Gaddafi. Seinen Nachfolgern hinterließ Ben Ali einen aufgeblähten Staatsapparat und eine unterentwickelte Firmenlandschaft. Die Wirtschaft kommt nur langsam in Fahrt, jeder fünfte Tunesier ist arbeitslos.

Ben Miled bekommt das zu spüren, „der Anzeigenmarkt ist nicht gerade euphorisch“, berichtet er. Aber es regt sich etwas: Mussten Verleger zu Ben Alis Zeiten endlos auf Lizenzen für neue Blätter warten, entstehen seit dem Sturz des Diktators Dutzende neue Magazine, Zeitungen und TV-Sender. Sie müssen hart um Leser und Anzeigenkunden kämpfen, nur die gut gemachten Angebote überleben. Ben Miled und seine Wettbewerber haben für ihre Branche etwas geschaffen, das nicht nur Tunesien am besten helfen wird: einen funktionierenden, vibrierenden Markt.

Ob nun Ben Miled in Tunesien, Aliko Dangote in Lagos oder Whitey Basson in Südafrika – auf der Bildfläche Afrikas tauchen Gesichter auf, die dort bis vor kurzem nicht vorstellbar waren. Ob sie es schaffen, die Spirale aus Bürgerkriegen, Korruption und Abhängigkeit von ausländischen Hilfen zu brechen, ist noch immer unklar. Wer sie aber trifft, wer sich von ihrer Begeisterung und ihrer Tatkraft überzeugt, der ahnt: Bessere Hoffnungsträger hatte Afrika bisher selten.

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