„Wir lassen sie verhungern“ „Markt und Moral“

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Ein hungerndes Kind in Somalia.  (Bild: picture alliance / dpa - Siegfried Modola) Ein hungerndes Kind in Somalia. (Bild: picture alliance / dpa – Siegfried Modola)

Der Kampf gegen den Hunger

Jean Ziegler: „Wir lassen sie verhungern“ und Sylvia Nasar: „Markt und Moral“

Von Astrid Prange

Hunger ist kein Gott gegebenes Schicksal, sondern von Menschen gemacht, darin sind sich beide Bücher einig. Doch während Jean Ziegler wortgewaltig die Missachtung des Menschenrechtes auf Nahrung beklagt, wagt Sylvia Nasar trotz aller Schreckenszenarien einen positiven Ausblick.

In einem Punkt sind sich beide Autoren einig: Hunger ist kein Gott gegebenes Schicksal, sondern von Menschen gemacht. Folglich können die Menschen sich selbst von dieser Geißel befreien. Doch mit diesem Minimalkonsens enden die Gemeinsamkeiten der beiden Autoren auch schon: Die deutsch-amerikanische Wirtschaftsjournalistin Sylvia Nasar und Jean Ziegler, ehemaliger Sonderberichterstatter der UNO für das Recht auf Nahrung, sind wie Öl und Wasser: Ihre Perspektiven vermischen sich nicht.

Wie ist das möglich? Wie kann es sein, dass sich zwei Autoren, die sich mit ein und demselben Thema beschäftigen, nämlich Hunger, sich in ihren Werken inhaltlich kaum überschneiden? Jean Ziegler und Sylvia Nasar verfolgen komplett unterschiedliche Ansätze.

Während die amerikanische Wirtschaftsjournalistin in ihrem Buch „Markt und Moral“ ein Loblied auf den weltweit steigenden Lebensstandard singt, versteigt sich Jean Ziegler zu einer wortgewaltigen Anklage: „Wir lassen sie verhungern“, lautet der Titel seines neuesten Buches über die massive Missachtung des Menschenrechtes auf Nahrung. Ziegler wartet mit bestürzenden Fakten auf:

„Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren.
57.000 Menschen sterben am Tag an Hunger. Und eine Milliarde von den sieben Milliarden Menschen sind permanent schwerstens unterernährt. Und das auf einem Planeten, der vor Reichtum überquillt. Derselbe World Food Report, der die Opferzahlen gibt, sagt, dass die Weltlandwirtschaft problemlos normal zwölf Milliarden Menschen ernähren könnte. Heute gibt es auf dieser Welt keinen objektiven Mangel mehr, keine Fatalität.“

„J’accuse, ich klage an. Der Schweizer Soziologe Ziegler will sich nicht mit dem Elend der Welt abfinden. Seine Streitschrift spart nicht mit eindeutigen Schuldzuweisungen. Er schimpft auf die „kannibalische Weltordnung, auf multinationale Konzerne und Börsenspekulanten, auf die neoliberale Wahnidee und den Schweizer Bankenbanditismus“ – wie er es nennt.

In der Tat: Das Kapitel über den „Mord an den irakischen Kindern“ in seinem Buch löst Bestürzung aus. In den vier Jahren zwischen 1996 und 2000 starben im Irak mehr als eine halbe Million Kinder an den Folgen von Unterernährung. Dabei sollte die Grundversorgung der Bevölkerung doch im Rahmen des UN-Programms „Öl für Lebensmittel“ sichergestellt werden. Ziegler beschreibt, wie die Einfuhr lebenswichtiger Güter und Nahrungsmittel aus politischen Gründen konterkariert wurde – trotz zahlreicher Proteste hochrangiger UN-Mitarbeiter. Die Folge war ein stilles Sterben in Krankenhäusern und Kinderheimen.

Jean Ziegler schockiert. Seine Geografie des Hungers zieht sich durch den Gazastreifen bis nach Nordkorea, vom afrikanischen Niger bis in den brasilianischen Nordosten. Sein Panorama des Schreckens kämpft auch gegen das scheinbar unumstößliche Vorurteil, dass die Armen selbst schuld an ihrem Elend seien.

„Der afrikanische Bauer oder paraguayische Bauer ist nicht weniger kompetent, weniger arbeitsam als der deutsche oder französische Bauer. Was ihm aber fehlt, das sind die Mineraldünger, das sind die Zugtiere, das sind die selektierten Samen, das ist die Bewässerung, weil sein Staat total überschuldet ist. Es gibt keine Möglichkeit der Investitionen in die Subsistenzlandwirtschaft. Und das muss gefördert werden, die Familienlandwirtschaft. Die effizienteste Form der Nahrungsmittelproduktion ist der Familienbetrieb.“

Auf solche Debatten lässt sich die amerikanische Autorin Sylvia Nasar erst gar nicht ein. Sie erteilt weder Ratschläge noch Schuldzuweisungen. Sie klagt niemanden an. Und sie wartet auch nicht mit einer Lösung auf, wie der Hunger aus der Welt zu schaffen wäre.

Vielleicht ist ihre detaillierte Abhandlung über die großen Ökonomen von Thomas Malthus bis Amartya Sen deshalb so erkenntnisreich. Nicht nur Thomas Malthus und Karl Marx irrten. Auch John Maynard Keynes und Milton Friedman wurden von der Wirklichkeit ausgebremst. Sylvia Nasar entlarvt Hunger schlicht als politisches Problem.

An abschreckenden Beispielen mangelt es auch der deutsch-amerikanischen Wirtschaftsjournalistin nicht. Sie schildert die größte von Menschen ausgelöste Hungersnot in der Geschichte unter Mao Tse Tung. Die Zwangskollektivierung von 1958 bis 1962 kostete 15 bis 30 Millionen Chinesen das Leben. Auch Bengalen, die Heimat Amartya Sens, blieb nicht verschont. Sylvia Nasar beschreibt, wie die Hungersnot in der ehemaligen britischen Kolonie im Jahr 1943 den Nobelpreisträger als Kind traumatisierte. Drei Millionen Menschen starben und mit ihnen auch der letzte Respekt vor den Kolonialherren. Trotz aller Schreckszenarien wagt Sylvia Nasar beim Thema Hunger einen positiven Ausblick. Sie schreibt:

Nicht einmal der österreichische Ökonom Joseph Schumpeter hätte sich vorstellen können, dass die Weltbevölkerung einmal um das Sechsfache größer, aber um das Zehnfache wohlhabender sein würde als zu seiner Zeit; oder dass sich der Anteil der Erdenbewohner, der in bitterer Armut lebt, um fünf Sechstel verringern würde; oder dass der Durchschnittschinese heute mindestens so gut, wenn nicht sogar besser lebt als der Durchschnittsengländer in den Fünfziger-Jahren des 20. Jahrhunderts.

Ist der Kampf gegen den weltweiten Hunger also erfolgreicher als Jean Ziegler behauptet? Ausgerechnet das World Food Programm der Vereinten Nationen verbreitete vor kurzem eine Erfolgsmeldung. Anlässlich des Welternährungstages verkündete die Organisation, dass die Zahl der Hungernden seit 1990 von über einer Milliarde Menschen auf 870 Millionen Erdenbürger zurückgegangen sei. Natürlich sind 870 Millionen hungernde Menschen ein Skandal.

Auf dieser Welt, das haben beide Autoren in ihren Büchern nachgewiesen, müsste kein Mensch hungern. Doch der Kampf gegen die Geißel der Menschheit scheint voranzukommen.

Fazit: Für den weltweiten Hunger sind nicht nur transnationale Konzerne, sondern auch Diktatoren und kleptokratische Langzeitherrscher mit verantwortlich. In diesem Punkt sind sich Jean Ziegler und Sylvia Nasar dann doch wieder einig. Nasars minutiöse, manchmal auch langatmige Abhandlung über die großen Ökonomen seit der industriellen Revolution ist ein wertvolles Korrektiv zu Zieglers einseitiger Streitschrift.

Wer Sylvia Nasars Buch liest, weiß: Die Apokalypse wurde schon sehr oft angekündigt, von Ökonomen, Klimaforschern und nicht zuletzt auch von Jean Ziegler. Sie ist Gott sei Dank noch nicht eingetreten. An diese gute Nachricht wird sich auch der Schweizer Soziologe gewöhnen müssen.

1. Jean Ziegler: „Wir lassen sie verhungern. Die Massenvernichtung in der Dritten Welt“
C. Bertelsmann Verlag, 320 Seiten, 19,99 Euro
ISBN: 978-3-570-10126-1

2. Sylvia Nasar: „Markt und Moral. Die großen Ökonomen und ihre Ideen“
C. Bertelsmann Verlag, 656 Seiten, 29,99 Euro
ISBN: 978-3-570-10026-4

 

http://www.dradio.de/dlf/sendungen/andruck/1926598/


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