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Aktuelle Kriege und bewaffnete Konflikte (2011), Analysen über Hintergründe von Kriegen – aus der Arbeit vonArbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung (AKUF) Forschungstelle Kriege, Rüstung und Entwicklung (FKRE)

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Aktuelle Kriege und bewaffnete Konflikte (2011)

Lateinamerika | Afrika | Vorderer und Mittlerer Orient | Asien

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Das Kriegsgeschehen 2011 im Überblick

Trends
Liste der Kriege und bewaffneten Konflikte
Kriegsdefinition Kriegstypologie

Allgemeine Trends

Erstmals seit sechs Jahren wurden 2011 wieder mehr Kriege und bewaffnete Konflikte geführt als im Jahr zuvor. Die Zahl erhöhte sich um drei auf nunmehr 36. Als beendet sind insgesamt drei kriegerische Konflikte zu betrachten. Umgekehrt eskalierten 2011 sechs Kriege und bewaffnete Konflikte neu. Die von organisierten Kämpfen zahlenmäßig am stärksten betroffenen Weltregionen waren 2011 Afrika mit 13, gefolgt von Asien und dem Vorderen und Mittleren Orient mit jeweils 11 kriegerischen Konflikten. In Lateinamerika war ein Krieg verzeichnen.

Veränderungen gegenüber dem Vorjahr

Beendete Kriege und bewaffnete Konflikte
Im Jemen sclossen Mitte Februar 2010 schlossen die Regierung und die sogenannten Huthi-Rebellen einen Waffenstillstand. In den 2004 begonnenen Krieg mit den schiitischen Rebellen im Nordosten des Landes hatte in den letzten Kriegsmonaten auch Saudi-Arabien massiv eingegriffen, sodass den Aufständischen keine andere Wahl mehr blieb als die Bedingungen der Regierung für einen Waffenstillstand zu akzeptieren.
Für die Regierung des Tschad zahlte sich eine Vereinbarung mit dem Sudan aus, mit der beide Seiten darauf verzichteten, Rebellengruppen im jeweils andern Land zu unterstützen. Im Laufe des Jahres 2010 ließen Rebellenaktivitäten im Tschad deutlich nach und für 2011 lagen keine entsprechenden Berichte mehr vor. Dies war für den Tschad damit das erste Jahr seit 1966 ohne kriegerische Auseinandersetzungen.
In Peru erreichte die kurzzeitige Neueskalation zwischen Sicherheitskräften und dem Leuchtenden Pfad in den Jahren 2009 und 2010 nie die Intensität der 1980er und 1990er Jahre. Aufgrund ausbleibender Kämpfe scheint der bewaffnete Konflikt nach zwei Jahren wieder beendet zu sein.

Neu eskalierte Kriege und bewaffnete Konflikte
Von den neuen Kriegen des Jahres 2011 erhielt der in Libyen nicht nur die größte Aufmerksamkeit, sondern forderte auch die meisten Todesopfer. In den im Februar eskalierten Konflikt zwischen Aufständischen und der Regierung fanden ab Mitte März nach einer UN-Resolution NATO-geführte Luftangriffe statt. Mit der Tötung Muammar al-Ghaddafis am 20. Oktober endete der Krieg nach etwa acht Monaten.
In Côte d’Ivoire hatte Amtsinhaber Laurent Gbagbo Ende November 2010 die Präsidentschaftswahl verloren, sich jedoch geweigert abzutreten. In den folgenden Monaten starben über 200 Anhänger des Wahlsiegers Alassane Ouattara durch die Gewalt von Polizei und Militär. Ende Februar wurde auch der seit sechs Jahren bestehende Waffenstillstand zwischen den beiden Konfliktparteien gebrochen. Mitte April wurde Gbagbo schließlich gefangen genommen und der Krieg wenige Tage später beendet.
Dagegen dauert der dritte neue Krieg des Jahres 2011 weiterhin an. Einige Wochen vor der offiziellen Unabhängigkeit des Südsudan am 9. Juli eskalierten Auseinandersetzungen zwischen Sudan und Kämpfern der ehemaligen südsudanesischen Rebellenbewegung SPLA. Diese dauerten in den an Südsudan grenzenden Provinzen Südkordofan und Blauer Nil seitdem an.
Im Jemen wurden Proteste wie in vielen anderen arabischen Ländern zunächst mit Gewalt durch Polizei und Militär unterdrückt. Im Mai und noch einige weitere Male im Laufe des Jahres griffen jedoch Kämpfer verschiedener Stämme gegen die Regierung in den Konflikt ein, sodass sich daraus ein bewaffneter Konflikt entwickelte.
Kämpfe zwischen Truppen Thailands und Kambodschas fanden Anfang Februar und erneut Ende April in einem strittigen Grenzgebiet statt.
In Burundi kam es wiederholt zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen nicht eindeutig identifizierbaren Gruppen und staatlichen Sicherheitskräften.

Regionale Verteilung

Die von organisierten Kämpfen zahlenmäßig am stärksten betroffene Weltregion war auch 2011 Afrika mit 13 kriegerischen Konflikten. Es folgen der Asie3n sowie der Vordere und Mittlere Orient (VMO) mit jeweils 11 Kriegen und bewaffneten Konflikten. In Lateinamerika war ein Krieg.


Liste der Kriege und bewaffneten Konflikte 2011

Beginn Einstufung 2011*
Afrika
Äthiopien (Ogaden)
Burundi
Côte d’Ivoire
Kongo-Kinshasa (Ostkongo)
Nigeria (Boko Haram)
Nigeria (Nigerdelta)
Senegal (Casamance)
Somalia
Sudan (Darfur)
Sudan (Südkordofan und Blauer Nil)
Südsudan
Uganda
Zentralafrikanische Republik
2006
2011
2011
2005
2011
2003
1990
1988
2003′
2011
2010
2009
2006
Krieg
Bewaffneter Konflikt
Krieg
Krieg
Krieg
Bewaffneter Konflikt
Bewaffneter Konflikt
Krieg
Krieg
Krieg
Bewaffneter Konflikt
Krieg
Krieg
Asien
Indien (Assam)
Indien (Kaschmir)
Indien (Manipur)
Indien (Naxaliten)
Indien (Tripura)
Myanmar
Pakistan (Belutschistan)
Pakistan (Taliban)
Philippinen (Mindanao)
Philippinen (NPA)
Thailand (Südthailand
Thailand / Kambodscha
1990
1990
2005
1997
1999
2003
2005
2007
1970
1970
2004
2011
Bewaffneter Konflikt
Krieg
Bewaffneter Konflikt
Krieg
Bewaffneter Konflikt
Krieg
Bewaffneter Konflikt
Krieg
Krieg
Krieg
Krieg
Bewaffneter Konflikt
Vorderer und Mittlerer Orient
Afghanistan
Algerien
Irak
Iran (Kurdistan)
Israel (Palästina)
Jemen (Al-Qaida)
Jemen (Stammeskrieger)
Libyen
Russland (Tschetschenien)
Tadschikistan
Türkei (Kurdistan)
1978
1992
1998
2007
2000
2010
2011
2011
1999
2010
2004
Krieg
Krieg
Krieg
Bewaffneter Konflikt
Krieg
Krieg
Bewaffneter Konflikt
Krieg
Krieg
Bewaffneter Konflikt
Krieg
Lateinamerika
Kolumbien (FARC) 1965 Krieg

* Zur Definition von Krieg bzw. Bewaffneter Konflikt siehe Kriegsdefinition


Kriegsdefinition

In Anlehnung an den ungarischen Friedensforscher István Kende (1917-1988) definiert die AKUF Krieg als einen gewaltsamen Massenkonflikt, der alle folgenden Merkmale aufweist:
(a) an den Kämpfen sind zwei oder mehr bewaffnete Streitkräfte beteiligt, bei denen es sich mindestens auf einer Seite um reguläre Streitkräfte (Militär, paramilitärische Verbände, Polizeieinheiten) der Regierung handelt;
(b) auf beiden Seiten muß ein Mindestmaß an zentralgelenkter Organisation der Kriegführenden und des Kampfes gegeben sein, selbst wenn dies nicht mehr bedeutet als organisierte bewaffnete Verteidigung oder planmäßige Überfälle (Guerillaoperationen, Partisanenkrieg usw.);
(c) die bewaffneten Operationen ereignen sich mit einer gewissen Kontinuierlichkeit und nicht nur als gelegentliche, spontane Zusammenstöße, d.h. beide Seiten operieren nach einer planmäßigen Strategie, gleichgültig ob die Kämpfe auf dem Gebiet einer oder mehrerer Gesellschaften stattfinden und wie lange sie dauern.
Kriege werden als beendet angesehen, wenn die Kampfhandlungen dauerhaft, d.h. für den Zeitraum von mindestens einem Jahr, eingestellt bzw. nur unterhalb der AKUF-Kriegsdefinition fortgesetzt werden.

Als bewaffnete Konflikte werden gewaltsame Auseinandersetzungen bezeichnet, bei denen die Kriterien der Kriegsdefinition nicht in vollem Umfang erfüllt sind. In der Regel handelt es sich dabei um Fälle, in denen eine hinreichende Kontinuität der Kampfhandlungen nicht mehr oder auch noch nicht gegeben ist. Bewaffnete Konflikte werden von der AKUF erst seit 1993 erfaßt.


Kriegstypologie

Die AKUF unterscheidet zwischen fünf Kriegstypen:

  • A = Antiregime-Kriege: Kriege, in denen um den Sturz der Regierenden oder um die Veränderung oder den Erhalt des politischen Systems oder gar der Gesellschaftsordnung gekämpft wird.
  • B = Autonomie- und Sezessionskriege: Kriege, in denen um größere regionale Autonomie innerhalb des Staatsverbandes oder um Sezession vom Staatsverband gekämpft wird.
  • C = Zwischenstaatliche Kriege: Kriege, in denen sich Streitkräfte der etablierten Regierungen mindestens zweier staatlich verfaßter Territorien gegenüberstehen, und zwar ohne Rücksicht auf ihren völkerrechtlichen Status.
  • D = Dekolonisationskriege: Kriege, in denen um die Befreiung von Kolonialherrschaft gekämpft wird.
  • E = Sonstige Kriege.

Zahlreiche Kriege lassen sich nicht eindeutig einem dieser Typen zuordnen, weil sich verschiedene Typen überlagern oder sich der Charakter des Krieges im Verlauf der Kampfhandlungen verändert, so daß sich Mischtypen bilden.

Ein weiteres Kriterium für die Typologisierung von Kriegen ist die Fremdbeteiligung. Als Intervention oder Fremdbeteiligung berücksichtigt die AKUF nur diejenigen Fälle, in denen die Streitkräfte eines weiteren Staates unmittelbar an den Kämpfen teilnimmt. Bloße Waffenlieferungen, finanzielle oder logistische Unterstützung und dergleichen werden nicht als Intervention gewertet.

1 = Krieg mit unmittelbarer Fremdbeteiligung

2 = Krieg ohne unmittelbare Fremdbeteiligung

http://www.sozialwiss.uni-hamburg.de/publish/Ipw/Akuf/kriege_aktuell.htm#Liste

Entwicklungstrends seit 1945

Die Hamburger Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung (AKUF) zählt 238 Kriege in der Zeit von 1945 bis 2007. Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges und bis Ende 1992 ist eine fast stetige Zunahme der weltweiten Kriegsbelastung von etwa einem laufenden Krieg pro Jahr zu beobachten. Bestimmte historische Ereignisse oder Perioden wie zum Beispiel der Ost-West-Konflikt und die Dekolonisation übten nicht den ihnen oft unterstellten Einfluss auf diesen Trend aus. Anscheinend wirken sich hier längerfristige und tiefergehende Prozesse aus.

Kriegsschauplätze / Akteure

Bei einer näheren Betrachtung der Kriege fällt zunächst auf, dass die Zentren der bürgerlich-kapitalistischen Welt weitgehend frei von Kriegen sind. Über 90 Prozent der Kriege nach 1945 fanden in Regionen der Dritten und ehemaligen Zweiten Welt statt, kriegerische Auseinandersetzungen verlagerten sich also fast vollständig in die Peripherien.

Von den 238 Kriegen fanden statt: in Asien 68, in Afrika südlich der Sahara 64, im Vorderen und Mittleren Orient 60, in Süd- und Mittelamerika 30 und in Europa 16. In Nordamerika fand überhaupt kein Krieg statt.

Allerdings steht der Befriedung innerhalb der industriegesellschaftlichen Welt nach 1945 ein relativ hohes Maß an kriegerischem Eingreifen einiger Industriestaaten in der Dritten Welt gegenüber. Bei der Häufigkeit der Kriegsbeteiligungen liegen Großbritannien (22 Beteiligungen), die USA (16) und Frankreich (14) (neben Indien (19), Irak (11) und Jemen (11)) in der Spitzengruppe. Die nähere Betrachtung zeigt jedoch, dass hierbei spezifische historische Umstände wie die Stellung als (ehemalige) Kolonialmächte oder der Versuch der USA, ihren Hegemonieanspruch militärisch durchzusetzen, eine Rolle spielten.

Zu Anfang der 1990er Jahre deuteten Interventionen der UNO bzw. im Auftrag oder zumindest mit ausdrücklicher Billigung des UN-Sicherheitsrates „weltpolizeiliche“ Lösungen an. Diese Tendenz ist jedoch nicht sicher. Überdies haben sich die wenigen UN-gestützten Interventionen als nicht sonderlich erfolgreich erwiesen, insbesondere wenn man eine politische Lösung als Maßstab anlegt. Die Bilanz der Interventionen von Einzelstaaten oder Staatengruppen ohne UN-Autorisierung sieht nicht besser aus. Auch diese scheiterten überwiegend entweder bereits militärisch, oder es konnte keine politische Lösung erzielt werden. Insgesamt ist zu beobachten, dass die Beteiligung Dritter an innerstaatlichen Kriegen seit den 1980er Jahren merklich zurückging. Dies lässt sich wohl auf die Erfahrung zurückführen, dass parteiisches Mitkämpfen in Kriegen anderer sich nicht „auszahlt“.

Innerstaatliche Kriege

Zwei Drittel aller Kriege seit 1945 sind innerstaatliche Kriege gewesen und nur ein knappes Viertel internationale Kriege, einschließlich der Dekolonisationskriege. Das fast stetige Wachstum der jährlichen Kriegsbelastung nach dem Zweiten Weltkrieg resultiert eindeutig aus der Zunahme der innerstaatlichen Kriege. Dass das Kriegsgeschehen nach dem Zweiten Weltkrieg von diesen dominiert wird, stellt eine qualitative historische Veränderung gegenüber früheren Perioden dar.

Bei den Kriegstypen sticht der hohe Anteil der „Antiregimekriege“ hervor. Dieses sind Kriege, in denen um den Sturz der Regierenden oder um die Veränderung oder den Erhalt des politischen Systems oder gar der Gesellschaftsordnung gekämpft wird. Diese machen fast die Hälfte aller innerstaatlichen Kriege aus, so dass der Kampf um Gesellschaftsform und Macht im Staate das Kriegsgeschehen seit 1945 am stärksten bestimmte. Vielen Machthabern in Ländern der Dritten Welt fehlt die Legitimität. Prinzipien, Regeln und institutionelle Formen, nach denen Systemwandel und Machtzuteilung bzw. Machtwechsel gewaltlos erfolgen kann, sind nicht vorhanden. Der gesellschaftliche Grundkonsens fehlt.

Auch die zweite große Gruppe der innerstaatlichen Kriege, in denen eine der beiden Kriegsparteien um größere oder völlige Unabhängigkeit von der Zentralregierung kämpft, ist ein Hinweis auf eine nur mangelhaft erfolgte gesellschaftliche Integration.

Ein erheblicher Teil der innerstaatlichen Kriege resultiert aus noch nicht erfolgter oder gescheiterter gesellschaftlicher Integration in einem häufig nur formal vorhandenen Staat. Dieses Scheitern wiederum ist Folge wirtschaftlicher Strukturschwächen, krasser Ungleichheiten in der Einkommensverteilung und der willkürlichen politischen Privilegierung bestimmter Gruppen.

Kriegsbeendigungen

Bei der Untersuchung, wie und mit welchen Ergebnissen Kriege enden, stellt sich heraus, dass nur ein knappes Fünftel aller Kriege durch einen militärischen Sieg der angreifenden Seite entschieden wurde. Wesentlich öfter – bei einem knappen Drittel der Kriege – behauptet sich die militärisch angegriffene Seite. In einem Zehntel der Fälle endeten Kriege einfach durch einen Abbruch der Kämpfe, und nur geringfügig häufiger stand am Ende eine Vereinbarung, sei es durch einen Waffenstillstand oder durch einen Kompromiss.

Mit etwa einem Drittel ist der Anteil der Kriegsbeendigung durch Vermittlung von dritter Seite überraschend hoch. Die Vermittlung durch Dritte ist offenbar zur Institution der Weltgesellschaft geworden. Auch wenn keine Daten zur Anzahl gescheiterter Vermittlungsbemühungen vorliegen, lässt sich feststellen, dass Vermittlungen weit häufiger zur Kriegsbeendigung beitragen als es gemeinhin den Anschein hat. In den erfolgreichen Fällen agierten in beachtlichen 40 Prozent die Vereinten Nationen als Vermittler. Auch wenn dies nur 12 Prozent der Gesamtzahl der beendeten Kriege sind, so ist die UNO offensichtlich besser als ihr Ruf.

Bemerkenswert ist auch, dass über zwei Drittel der zwischenstaatlichen Kriege im politischen Ergebnis unentschieden endeten bzw. der Status quo ante erhalten blieb oder wiederhergestellt wurde. Bei keinem Typ der innerstaatlichen Kriege hat die angreifende Seite eine deutliche Erfolgschance.

Quantitative Entwicklung des Kriegsgeschehens

Die 1990er Jahre waren zu Beginn durch einen starken Anstieg der Zahl der Kriege gekennzeichnet. Hier haben vor allem die Kriege im Gefolge der Auflösung der Sowjetunion und Jugoslawiens ihren Niederschlag gefunden. Seit 1992 lässt sich aber eine stark gegenläufige Tendenz feststellen. So sank die Zahl der Kriege von 55 im Jahr 1992, dem höchsten Stand seit Ende des Zweiten Weltkriegs überhaupt, bis 1997 auf etwa die Hälfte. Seither bewegte sich die Zahl der jährlich geführten Kriege um die 30. Die Erklärungen für dieses Phänomen sind derzeit noch unzureichend. Zwar gab es auch in früheren Perioden kurzfristige Rückgänge, allerdings bislang keine, die so ausgeprägt waren wie in den letzten Jahren.

Die Zahl der pro Jahr neu begonnenen Kriege weist keine Besonderheiten gegenüber der Zeit vor 1992 auf. Auffallend ist dagegen das Aufeinanderfolgen von mehreren Jahren mit hohen Zahlen von beendeten Kriegen. Die betreffenden Kriege lassen allerdings, was die Art ihrer Beendigung angeht, keine einheitliche Erklärung zu. Weder Vermittlungen Dritter noch militärische Erfolge oder ein Abbruch der Kämpfe stechen besonders hervor. Eine Differenzierung nach Regionen lässt zwar durchaus gewisse Unterschiede bei der quantitativen Rückläufigkeit erkennen, diese haben aber insgesamt keinen erklärenden Charakter.

Opferzahlen

Allein die 1997 noch andauernden Gewaltkonflikte forderten nach vorsichtigen Schätzungen bisher mehr als 6,7 Millionen Todesopfer und noch mehr Verwundete. Dabei lässt sich feststellen, dass der Anteil der getöteten Zivilpersonen im Verhältnis zu den gefallenen Soldaten immer mehr angewachsen ist. Beim Einsatz vieler Waffen, wie z.B. Landminen, kann nicht mehr zwischen Militär und Zivilisten unterschieden werden. Zudem zielen manche Strategien gerade auf die Zivilbevölkerung ab, um die Kampfmoral der Gegner zu schwächen.

Zu den Opfern von Gewaltkonflikten sind auch ein Großteil der Mitte der 90er Jahre weltweit über 18 Millionen Flüchtlinge und 24 Millionen, die als Vertriebene im eigenen Land leben, zu zählen.

Wolfgang Schreiber, Stand 2007

http://www.sozialwiss.uni-hamburg.de/publish/Ipw/Akuf/kriege_archiv.htm

Kriege-Archiv: Kriege und bewaffnete Konflikte seit 1945

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Entwicklungstrends seit 1945

Die Hamburger Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung (AKUF) zählt 238 Kriege in der Zeit von 1945 bis 2007. Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges und bis Ende 1992 ist eine fast stetige Zunahme der weltweiten Kriegsbelastung von etwa einem laufenden Krieg pro Jahr zu beobachten. Bestimmte historische Ereignisse oder Perioden wie zum Beispiel der Ost-West-Konflikt und die Dekolonisation übten nicht den ihnen oft unterstellten Einfluss auf diesen Trend aus. Anscheinend wirken sich hier längerfristige und tiefergehende Prozesse aus.

Kriegsschauplätze / Akteure

Bei einer näheren Betrachtung der Kriege fällt zunächst auf, dass die Zentren der bürgerlich-kapitalistischen Welt weitgehend frei von Kriegen sind. Über 90 Prozent der Kriege nach 1945 fanden in Regionen der Dritten und ehemaligen Zweiten Welt statt, kriegerische Auseinandersetzungen verlagerten sich also fast vollständig in die Peripherien.

Von den 238 Kriegen fanden statt: in Asien 68, in Afrika südlich der Sahara 64, im Vorderen und Mittleren Orient 60, in Süd- und Mittelamerika 30 und in Europa 16. In Nordamerika fand überhaupt kein Krieg statt.

Allerdings steht der Befriedung innerhalb der industriegesellschaftlichen Welt nach 1945 ein relativ hohes Maß an kriegerischem Eingreifen einiger Industriestaaten in der Dritten Welt gegenüber. Bei der Häufigkeit der Kriegsbeteiligungen liegen Großbritannien (22 Beteiligungen), die USA (16) und Frankreich (14) (neben Indien (19), Irak (11) und Jemen (11)) in der Spitzengruppe. Die nähere Betrachtung zeigt jedoch, dass hierbei spezifische historische Umstände wie die Stellung als (ehemalige) Kolonialmächte oder der Versuch der USA, ihren Hegemonieanspruch militärisch durchzusetzen, eine Rolle spielten.

Zu Anfang der 1990er Jahre deuteten Interventionen der UNO bzw. im Auftrag oder zumindest mit ausdrücklicher Billigung des UN-Sicherheitsrates „weltpolizeiliche“ Lösungen an. Diese Tendenz ist jedoch nicht sicher. Überdies haben sich die wenigen UN-gestützten Interventionen als nicht sonderlich erfolgreich erwiesen, insbesondere wenn man eine politische Lösung als Maßstab anlegt. Die Bilanz der Interventionen von Einzelstaaten oder Staatengruppen ohne UN-Autorisierung sieht nicht besser aus. Auch diese scheiterten überwiegend entweder bereits militärisch, oder es konnte keine politische Lösung erzielt werden. Insgesamt ist zu beobachten, dass die Beteiligung Dritter an innerstaatlichen Kriegen seit den 1980er Jahren merklich zurückging. Dies lässt sich wohl auf die Erfahrung zurückführen, dass parteiisches Mitkämpfen in Kriegen anderer sich nicht „auszahlt“.

Innerstaatliche Kriege

Zwei Drittel aller Kriege seit 1945 sind innerstaatliche Kriege gewesen und nur ein knappes Viertel internationale Kriege, einschließlich der Dekolonisationskriege. Das fast stetige Wachstum der jährlichen Kriegsbelastung nach dem Zweiten Weltkrieg resultiert eindeutig aus der Zunahme der innerstaatlichen Kriege. Dass das Kriegsgeschehen nach dem Zweiten Weltkrieg von diesen dominiert wird, stellt eine qualitative historische Veränderung gegenüber früheren Perioden dar.

Bei den Kriegstypen sticht der hohe Anteil der „Antiregimekriege“ hervor. Dieses sind Kriege, in denen um den Sturz der Regierenden oder um die Veränderung oder den Erhalt des politischen Systems oder gar der Gesellschaftsordnung gekämpft wird. Diese machen fast die Hälfte aller innerstaatlichen Kriege aus, so dass der Kampf um Gesellschaftsform und Macht im Staate das Kriegsgeschehen seit 1945 am stärksten bestimmte. Vielen Machthabern in Ländern der Dritten Welt fehlt die Legitimität. Prinzipien, Regeln und institutionelle Formen, nach denen Systemwandel und Machtzuteilung bzw. Machtwechsel gewaltlos erfolgen kann, sind nicht vorhanden. Der gesellschaftliche Grundkonsens fehlt.

Auch die zweite große Gruppe der innerstaatlichen Kriege, in denen eine der beiden Kriegsparteien um größere oder völlige Unabhängigkeit von der Zentralregierung kämpft, ist ein Hinweis auf eine nur mangelhaft erfolgte gesellschaftliche Integration.

Ein erheblicher Teil der innerstaatlichen Kriege resultiert aus noch nicht erfolgter oder gescheiterter gesellschaftlicher Integration in einem häufig nur formal vorhandenen Staat. Dieses Scheitern wiederum ist Folge wirtschaftlicher Strukturschwächen, krasser Ungleichheiten in der Einkommensverteilung und der willkürlichen politischen Privilegierung bestimmter Gruppen.

Kriegsbeendigungen

Bei der Untersuchung, wie und mit welchen Ergebnissen Kriege enden, stellt sich heraus, dass nur ein knappes Fünftel aller Kriege durch einen militärischen Sieg der angreifenden Seite entschieden wurde. Wesentlich öfter – bei einem knappen Drittel der Kriege – behauptet sich die militärisch angegriffene Seite. In einem Zehntel der Fälle endeten Kriege einfach durch einen Abbruch der Kämpfe, und nur geringfügig häufiger stand am Ende eine Vereinbarung, sei es durch einen Waffenstillstand oder durch einen Kompromiss.

Mit etwa einem Drittel ist der Anteil der Kriegsbeendigung durch Vermittlung von dritter Seite überraschend hoch. Die Vermittlung durch Dritte ist offenbar zur Institution der Weltgesellschaft geworden. Auch wenn keine Daten zur Anzahl gescheiterter Vermittlungsbemühungen vorliegen, lässt sich feststellen, dass Vermittlungen weit häufiger zur Kriegsbeendigung beitragen als es gemeinhin den Anschein hat. In den erfolgreichen Fällen agierten in beachtlichen 40 Prozent die Vereinten Nationen als Vermittler. Auch wenn dies nur 12 Prozent der Gesamtzahl der beendeten Kriege sind, so ist die UNO offensichtlich besser als ihr Ruf.

Bemerkenswert ist auch, dass über zwei Drittel der zwischenstaatlichen Kriege im politischen Ergebnis unentschieden endeten bzw. der Status quo ante erhalten blieb oder wiederhergestellt wurde. Bei keinem Typ der innerstaatlichen Kriege hat die angreifende Seite eine deutliche Erfolgschance.

Quantitative Entwicklung des Kriegsgeschehens

Die 1990er Jahre waren zu Beginn durch einen starken Anstieg der Zahl der Kriege gekennzeichnet. Hier haben vor allem die Kriege im Gefolge der Auflösung der Sowjetunion und Jugoslawiens ihren Niederschlag gefunden. Seit 1992 lässt sich aber eine stark gegenläufige Tendenz feststellen. So sank die Zahl der Kriege von 55 im Jahr 1992, dem höchsten Stand seit Ende des Zweiten Weltkriegs überhaupt, bis 1997 auf etwa die Hälfte. Seither bewegte sich die Zahl der jährlich geführten Kriege um die 30. Die Erklärungen für dieses Phänomen sind derzeit noch unzureichend. Zwar gab es auch in früheren Perioden kurzfristige Rückgänge, allerdings bislang keine, die so ausgeprägt waren wie in den letzten Jahren.

Die Zahl der pro Jahr neu begonnenen Kriege weist keine Besonderheiten gegenüber der Zeit vor 1992 auf. Auffallend ist dagegen das Aufeinanderfolgen von mehreren Jahren mit hohen Zahlen von beendeten Kriegen. Die betreffenden Kriege lassen allerdings, was die Art ihrer Beendigung angeht, keine einheitliche Erklärung zu. Weder Vermittlungen Dritter noch militärische Erfolge oder ein Abbruch der Kämpfe stechen besonders hervor. Eine Differenzierung nach Regionen lässt zwar durchaus gewisse Unterschiede bei der quantitativen Rückläufigkeit erkennen, diese haben aber insgesamt keinen erklärenden Charakter.

Opferzahlen

Allein die 1997 noch andauernden Gewaltkonflikte forderten nach vorsichtigen Schätzungen bisher mehr als 6,7 Millionen Todesopfer und noch mehr Verwundete. Dabei lässt sich feststellen, dass der Anteil der getöteten Zivilpersonen im Verhältnis zu den gefallenen Soldaten immer mehr angewachsen ist. Beim Einsatz vieler Waffen, wie z.B. Landminen, kann nicht mehr zwischen Militär und Zivilisten unterschieden werden. Zudem zielen manche Strategien gerade auf die Zivilbevölkerung ab, um die Kampfmoral der Gegner zu schwächen.

Zu den Opfern von Gewaltkonflikten sind auch ein Großteil der Mitte der 90er Jahre weltweit über 18 Millionen Flüchtlinge und 24 Millionen, die als Vertriebene im eigenen Land leben, zu zählen.

Wolfgang Schreiber, Stand 2007

http://www.sozialwiss.uni-hamburg.de/publish/Ipw/Akuf/kriege_archiv.htm

Schreiber, Wolfgang: Kriege und bewaffnete Konflikte 2011. Ein erster Überblick, AKUF-Analysen Nr. 10, Dezember 2011
Online-Version (pdf) | Print-Version bestellen

Gerdes, Felix: Liberia’s Post-War Elite. A New Era of Inclusive Ownership or Old Wine in New Bottles? Arbeitspapier Nr. 1/2011 der Forschungsstelle Kriege, Rüstung und Entwicklung, Universität Hamburg 2011
Online-Version (pdf) | Print-Version bestellen

Balz, Mathis: Die Politische Ökonomie von Bürgerkriegen. Eine Kritik der „Neuen Kriege“ anhand der Fallbeispiele Angola, Somalia und Afghanistan. Arbeitspapier Nr. 2/2009 der Forschungsstelle Kriege, Rüstung und Entwicklung, Universität Hamburg 2009
Online-Version (pdf) | Print-Version bestellen

Gerdes, Felix: Militärputsch in Guinea. Hintergründe der aktuellen Entwicklungen, AKUF-Analysen Nr. 3, Januar 2009
Online-Version (pdf) | Print-Version bestellen

Haarhaus, Sophie: Offensive gegen die Lord’s Resistance Army im Kongo. Hintergründe und Perspektiven der militärischen Kooperation von Uganda, Kongo und Südsudan, AKUF-Analysen Nr. 5, Februar 2009
Online-Version (pdf) | Print-Version bestellen

Liebing, Maja: Nachhaltige Nutzung mineralischer Rohstoffe am Beispiel der DR Kongo. Untersuchung der Wirksamkeit und Übertragbarkeit politischer Maßnahmen. Arbeitspapier Nr. 5/2009 der Forschungsstelle Kriege, Rüstung und Entwicklung, Universität Hamburg 2009
Online-Version (pdf) | Print-Version bestellen

Schreiber, Wolfgang: Innerstaatliche Kriege seit 1945, in: Bundeszentrale für Politische Bildung: Dossier Innerstaatliche Konflikte, 2007 (online-Version)

Probst, ManuelDie Menschenrechte als universeller Rechtsmaßstab. Eine ideengeschichtliche Analyse. Arbeitspapier 2/2006 der Forschungsstelle Kriege, Rüstung und Entwicklung, Universität Hamburg 2006.
Online-Version (pdf) | Print-Version bestellen

Bakonyi, Jutta: Instabile Staatlichkeit. Zur Transformation politischer Herrschaft in Somalia. Arbeitspapier 3/2001 der Forschungsstelle Kriege, Rüstung und Entwicklung, Universität Hamburg 2001 
Online-Version (pdf) | Print-Version bestellen

Schreiber, Wolfgang: Die Kriege in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und danach, in: AKUF: Das Kriegsgeschehen 2000. Daten und Tendenzen der Kriege und bewaffneten Konflikte, hrsg. von Thomas Rabehl und Wolfgang Schreiber, Opladen: Leske + Budrich 2001, S. 11-46 (online-Version)

Kübler, Torge / Schneider, Patricia (unter Mitarbeit von Karl-Heinz Gienke): Kleinwaffen. Neue Herausforderungen für die Rüstungskontrollpolitik, Arbeitspapier Nr. 3/98 der Forschungsstelle Kriege, Rüstung und Entwicklung, Universität Hamburg 1998

Lentze, Matthias: Ethnizität in der Konfliktforschung. Eine Untersuchung zur theoretischen Fundierung und praktischen Anwendung des Begriffs „ethnischer Konflikt“, Arbeitspapier Nr. 1/98 der Forschungsstelle Kriege, Rüstung und Entwicklung, Universität Hamburg 1998

weitere Artikel in:

http://www.sozialwiss.uni-hamburg.de/publish/Ipw/Akuf/publikationen.htm#2012


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