Startseite » Uncategorized » Griechen bilden immer mehr Bürgerinitiativen: Einfallsreiche Hilfe im Alltag einer verarmenden Gesellschaft – In vielen Bereichen sind die Löhne in den letzten zweieinhalb Jahren um mehr als 40 Prozent gesunken. Inzwischen ist jeder vierte Grieche ohne Arbeit, bei den jungen Leuten unter 24 Jahren sind sogar fast 60 Prozent betroffen. Das vom Staat gewährte Arbeitslosengeld beträgt etwa 400 Euro und wird maximal für ein Jahr gezahlt, danach ist jeder auf sich allein gestellt. Die Mindestlöhne wurden inzwischen auf 586 Euro reduziert, wer jünger als 24 Jahre ist, bekommt nur 511 Euro. Die Not ist gross – und macht erfinderisch. Rechtsextreme versuchen auch ihr Süppchen zu kochen!

Griechen bilden immer mehr Bürgerinitiativen: Einfallsreiche Hilfe im Alltag einer verarmenden Gesellschaft – In vielen Bereichen sind die Löhne in den letzten zweieinhalb Jahren um mehr als 40 Prozent gesunken. Inzwischen ist jeder vierte Grieche ohne Arbeit, bei den jungen Leuten unter 24 Jahren sind sogar fast 60 Prozent betroffen. Das vom Staat gewährte Arbeitslosengeld beträgt etwa 400 Euro und wird maximal für ein Jahr gezahlt, danach ist jeder auf sich allein gestellt. Die Mindestlöhne wurden inzwischen auf 586 Euro reduziert, wer jünger als 24 Jahre ist, bekommt nur 511 Euro. Die Not ist gross – und macht erfinderisch. Rechtsextreme versuchen auch ihr Süppchen zu kochen!

Neueste Beiträge

Archive

Kategorien

Immer mehr Bürgerinitiativen

Einfallsreiche Hilfe im griechischen Alltag

International Dossier: Griechenland an der Wegscheide Heute, 06:00

1 Kommentar

Eine Suppenküche in Athen offeriert kostenlose Mahlzeiten.

Eine Suppenküche in Athen offeriert kostenlose Mahlzeiten. (Bild: Imago)
Je härter die Folgen der Wirtschaftskrise in Griechenland sind, desto einfallsreicher werden die Bürger. Zahlreiche Initiativen wurden gegründet, um die Auswirkungen zu lindern.
Elisa Hübel, Athen

Die 50-jährige Nadja blinzelt zufrieden gegen die herbstliche Novembersonne, obwohl sie sich mit drei schweren Taschen abmüht. Darin befinden sich Schulhefte und Lexika. Sie stammen aus einer Papeterie, die in der Finanz- und Wirtschaftskrise pleitegegangen ist. Der Besitzer entschied sich, den übrig gebliebenen Bestand an bedürftige Schulkinder zu verschenken. Dabei hilft ihm nun auch Nadja. Sie verteilt die Bücher und Hefte an die Kinder von Armen im Zentrum der griechischen Hauptstadt.

Impfungen für Kinder

Auch die Athener Ärztevereinigung kümmert sich um solche Kinder. Gemeinsam mit der orthodoxen Kirche führt sie derzeit eine Kampagne für die Impfung von unversicherten Minderjährigen durch. Deren Zahl nimmt in Griechenland zu, besonders in Familien von Langzeitarbeitslosen. Bis Ende Oktober hatten sich in Attika, der Region um Athen, 320 Familien für das Programm angemeldet, 64 Prozent der Betroffenen sind Ausländer. Die untersuchenden Kinderärzte stellten fest, dass bei 97 Prozent der Patienten mindestens drei notwendige Impfungen ausstehen. Etwa 10 Prozent wurden vermutlich noch nie geimpft; jedes dritte der untersuchten Kinder ist bereits im Alter zwischen 10 und 16 Jahren. Bis zum Ende der Kampagne wollen die Ärzte noch rund 10 000 Impfungen vornehmen.

Tauschgeschäfte

Derzeit leben 21,4 Prozent der Griechen unterhalb der Armutsgrenze. Betroffen sind etwa 2,3 Millionen Menschen. Um dieser Entwicklung gegenzusteuern, werden auch immer mehr Bürgerinitiativen gegründet, die alternative Formen des Konsums nutzen wollen. Eine davon wird über die Website antallaktiki.gr (Austausch) organisiert. Von Babysachen über Kosmetik bis zu Computern ist hier nahezu alles im Angebot, sogar Wohnungen und Autos werden getauscht. Auch Dienstleistungen gehen buchstäblich von Hand zu Hand. Eine Frau bietet Übersetzungen auf Französisch an. Dafür möchte sie gern Honig oder andere biologische Produkte. Ein Mann findet für seine Markenuhr keinen Gebrauch mehr und tauscht diese gegen Bücher antiker griechischer Philosophen.

Vor allem aus der Provinz melden sich hier viele Menschen, die ihre Arbeitskraft in der Landwirtschaft anbieten und dafür Kleider oder auch Saatgut für ihren eigenen Garten bekommen möchten, oft auch nur Lebensmittel. Dass bei diesen Tauschgeschäften dem Fiskus die Mehrwertsteuer entgeht, ist den Beteiligten mitten in der Krise, für die sie den Staat und die Politiker verantwortlich machen, in der Regel egal.

Auch Griechenlands Bauern, von denen bisher viele von staatlicher Förderung profitiert haben, müssen seit dem Ausbruch der Finanzkrise lernen, sich selbst zu helfen. Ein Beispiel dafür ist die «Kartoffelbewegung». Was im Frühjahr mit Kartoffeln begann, hat sich inzwischen auf die unterschiedlichsten Lebensmittel ausgeweitet – auf Mehl oder Olivenöl, sogar auf Reinigungsmittel oder Küchenpapier. Verkauft wird, oft von einem Lastwagen herab, direkt an die Konsumenten.

Skrupellose Zwischenhändler

Hintergrund dieser Praxis waren die zum Teil extrem hohen Differenzen zwischen dem Verkaufspreis der Hersteller und dem Preis, den die Verbraucher für das Produkt bezahlen müssen. Profitiert haben vor allem skrupellose Zwischenhändler. Dass durch höhere Gewinne der Bauern Arbeitsplätze im Handel vernichtet werden, ist die Kehrseite.

In vielen Bereichen sind die Löhne in den letzten zweieinhalb Jahren um mehr als 40 Prozent gesunken. Inzwischen ist jeder vierte Grieche ohne Arbeit, bei den jungen Leuten unter 24 Jahren sind sogar fast 60 Prozent betroffen. Das vom Staat gewährte Arbeitslosengeld beträgt etwa 400 Euro und wird maximal für ein Jahr gezahlt, danach ist jeder auf sich allein gestellt. Die Mindestlöhne wurden inzwischen auf 586 Euro reduziert, wer jünger als 24 Jahre ist, bekommt nur 511 Euro. Die Not ist gross – und macht erfinderisch.

Profiteure der Krise

Wer noch etwas Geld in der Tasche hat, kann von einer neuen Kampagne der Stadt Athen profitieren. Unter dem Motto «Wir gehen in Athen aus» können die Bewohner der Hauptstadt und Touristen jeden Dienstag in Restaurants preiswerter essen und trinken. Damit soll dem langsam verödenden öffentlichen Leben unterhalb der Akropolis neues Leben eingehaucht werden. Beteiligt an dieser Initiative sind etwa 80 Gastronomiegeschäfte. Der 60-jährige Wirt Nikos Grevias, dessen Taverne sich gegenüber der Pinakothek befindet, stellt fest, dass in jüngster Zeit immer mehr Menschen von seinen preiswerten Dienstagsangeboten Gebrauch machen: Vorspeise, Hauptgang, Nachspeise und dazu ein halber Liter Wein für 10 Euro.

Profiteure gibt es in Krisenzeiten immer. In Griechenland zählt zu ihnen die rechtsextremistische Chryssi Avgi. Aktivisten der Partei versprechen Arbeitslosen – natürlich nur Griechen –, für sie einen Job zu finden. In der Athener Innenstadt sind bereits Parteigenossen unterwegs, die Geschäftsbesitzer unverhohlen dazu auffordern, Ausländer zu entlassen und dafür Griechen einzustellen. Vor allem in Stadtteilen, in denen viele Migranten aus der Dritten Welt leben, machen die Parteigänger in ihren Militärhosen und schwarzen T-Shirts mit ihren Angeboten auf sich aufmerksam.

Hilfe im Alltag

Häufig kaufen sie für ältere Menschen auch ein oder leisten ihnen einfach nur Gesellschaft, oder sie begleiten sie zur Bank, wenn die Rente abgeholt werden muss. Die Schlägertrupps der Partei, so wird suggeriert, könnten als Einzige Sicherheit in einem korrupten Staat bieten, in dem die Zahl von Verbrechen in der Tat bedenklich in die Höhe geschnellt ist. Im Juni war die nach faschistischem Vorbild operierende Partei Chryssi Avgi in die Volksversammlung eingezogen. Der Partei gehören 18 Parlamentarier an.

http://www.nzz.ch/aktuell/international/einfallsreiche-hilfe-im-griechischen-alltag-1.17884964


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: